:: Studien - A5

Bewertung von sexuellem Interesse an Kindern und Jugendlichen in der Bevölkerung und deren Folgen


                Stigma: (altgriechisch) bedeutet „Stich-, Punkt-, Wund- oder Brandmal“. Unter Stigma wird eine unerwünschte Andersheit gegenüber Erwartetem verstanden, als negativ wahrgenommene Eigenschaften, welche die Person in den Augen anderer abwerten oder herabsetzen. Die Folge ist, dass andere sich von dem Merkmalsträger abwenden, welcher im Extremfall als eine durch und durch schlechte, gefährliche oder schwache Person gesehen wird. Stigmatisierung bedeutet den Ausschluss der Person oder Personengruppe von vollständiger sozialer Akzeptierung.        

 

Trotz des sonst großen wissenschaftlichen Interesses am Stigma psychischer Störungen wurde Stigmatisierung in Bezug auf Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern bisher nur selten thematisiert. Dabei kann Stigmatisierung schwerwiegende Auswirkungen für Betroffene haben, sowohl auf persönlicher (z.B. Entwicklung anderer psychischer Störungen) aber auch auf gesellschaftlicher Ebene (z. B. Misstrauen gegenüber Therapieangeboten, daher weniger Behandlung und höheres Risiko für Taten).

 

Fragestellungen

  • Wie groß ist das Ausmaß an Stigmatisierung von Männern mit sexuellem Interesse an Kindern und welche Folgen haben Vorbehalte?
  • Kann eine Teilnahme an einer Anti-Stigma-Kurzintervention zu Pädophilie stigmatisierende Einstellungen gegenüber Pädophilen reduzieren?
  • Kann eine Teilnahme an einer Anti-Stigma-Kurzintervention zu Pädophilie die Bereitschaft erhöhen, pädophile Menschen zu behandeln?

 

Vorgehen

Mit einem Fragebogen, der auf der Basis bisheriger Forschungsergebnisse entwickelt wurde, wurden die Verbreitung negativer Einstellungen gegenüber Menschen mit sexuellem Interesse an Kindern in der deutschen Bevölkerung und einer englischsprachigen Onlinestichprobe erfasst. Dabei wurde besonderen Wert auf eine eindeutige Definition von Pädophilie als einem sexuellen Interesse an Kindern gelegt und betont, dass die betreffenden Männer noch keine Straftaten begangen haben. Zusätzlich wurden Zusammenhänge zu demografischen und persönlichen Faktoren untersucht. Die Befragung erwachsener Freiwilliger erfolgte auf öffentlichen Plätzen in deutschen Städten. Das Ausmaß an Stigmatisierung von Männern mit sexuellem Interesse an Kindern wurde mit dem Alkoholabhängiger, dem von Menschen mit sexuellen sadistischen Vorlieben und dem von Menschen mit antisozialen Persönlichkeitszügen verglichen. Um zu untersuchen, welchen Einfluss Stigmatisierung auf das psychische Wohlbefinden und die Therapiebereitschaft der Männer hat, die ein sexuelles Interesse an Kindern haben, wurden über das „Präventionsnetzwerk Dunkelfeld“ Betroffene kontaktiert und um eine Studienteilnahme gebeten. Für die Erhebung der Einstellungen professioneller Behandler gegenüber  Männern mit Pädophilie wurden Psychotherapeuten in Ausbildung über verschiedene Ausbildungsinstitute in Deutschland (kognitive Verhaltenstherapie) um die Teilnahme an einer Online-Studie gebeten. Zuletzt wurde überprüft, ob über eine Kurzintervention Destigmatisierung von Pädophilen gelingt.

Teilnahme

854 Passanten auf öffentlichen Plätzen in Dresden und Stuttgart wurden zu ihren Bewertungen von Männern mit sexuellem Interesse an Mädchen und Jungen befragt. 201 Nutzer der internationalen Online-Plattform MTurk nahmen an einer Onlinebefragung teil. 104 Männer mit sexuellem Interesse an Kindern gaben online Auskunft zu ihrem Erleben von Stigmatisierung (Durchschnittsalter 37 Jahre). Von den Ausbildungskandidaten verschiedener Ausbildungseinrichtungen nahmen 137 an der Befragung und Antistigma-Kurzintervention teil.

 

Inhalt

Zu den erfassten Einstellungen gegenüber Männern mit sexuellem Interesse an Kindern und Jugendlichen gehörten Überzeugungen zur Kontrollierbarkeit (ist sexuelles Interesse an Kindern etwas, was man sich aussuchen kann), zum Gefahrenpotential zur Akzeptanz (z. B. „So eine Person würde ich in meiner Nachbarschaft akzeptieren“) und häufige Fehlannahmen in Bezug auf Pädophile (z. B. „Jemand, der sexuell hauptsächlich an Kindern interessiert ist, ist ein perverser Triebtäter“). In der Befragung der Psychotherapiestudenten wurde eine Skala zur Erfassung der Behandlungsbereitschaft gegenüber Pädophilen ergänzt.

Zu den erfassten Emotionen, die der Gedanke an Männer mit sexuellem Interesse an Kindern auslösen kann, gehörten Wut, Angst und Mitleid.

Das Ausmaß an Stigmatisierung von Männern mit sexuellem Interesse an Kindern wurde mit dem Alkoholabhängiger (Menschen, die nahezu täglich große Mengen Alkohol trinken), dem von Menschen mit sadistischen Vorlieben (Menschen, die sexuelle Lust dabei empfinden, anderen Schmerzen zuzufügen) und dem von Menschen mit antisozialen Persönlichkeitszügen (Menschen, die regelmäßig die Rechte anderer Personen missachten) verglichen.

Die Kurzintervention bestand aus Informationen zu Pädophilie und Videosequenzen mit einem Betroffenen. Über Filmausschnitte aus dem Dokumentarfilm „Outing“ (Moser, 2012) berichtete ein junger Mann mit Pädophilie über den Umgang mit seiner Neigung und gab Einblicke in seine psychotherapeutische Behandlung. Die Ausschnitte wurden mit freundlicher Genehmigung der Herstellungsleiterin und Produzentin Sabine Moser der FreibeuterFilm KG zur Verwendung in dieser Studie zur Verfügung gestellt.

Für die Untersuchung des Einflusses der Stigmatisierung auf das psychische Wohlbefinden und die Therapiebereitschaft der Männer mit sexuellem Interesse an Kindern wurden selbstentwickelte Verfahren (Perceived Social Distance Scale, Fear of Discovery Scale, Therapy Motivation Scale) sowie in der Forschung gängige Verfahren genutzt (Brief Symptom Inventory, Fear of Negative Evaluation, Rosenberg Self-Esteem Scale, emotionsfokussierte Subskala des Coping Inventory for Stressful Situations, UCLA Loneliness Scale, Bumby Molest Scale, Self-Efficacy Scale Related to Minors).

 

Ergebnisse

Die Ergebnisse wurden auf Fachtagungen der Öffentlichkeit vorgestellt und sind in wissenschaftlichen Publikationen erhältlich.

 

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