:: Prävention bei sexueller Viktimisierung im Kindesalter 

Aus den Erkenntnissen zu (potenziellen) Betroffenen in den Studien im Modul DO lassen sich zusammenfassend folgende Maßnahmeempfehlungen zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention ableiten:

Das durchschnittliche Alter bei erster sexueller Missbrauchserfahrung und die Schwere sexueller Viktimisierung waren bei befragten Erwachsenen und Jugendlichen vergleichbar und legen eine Aufklärung potenzieller Opfer bereits ab der dritten Schulklasse und deren Angehöriger nah. Erhöhte Sensibilität für potenzielle Opfer ist in der Altersgruppe 8 bis 10 Jahren geboten. Kinder sollten ernst genommen und sexuelle Missbrauchserfahrungen ohne Körperberührung nicht bagatellisiert werden.


Präventive Aufklärung nach Geschlecht und Alter

  • Aufklärung potenzieller Opfer bereits ab der dritten Schulklasse (Altersgruppe 8 - 10).
  • Inhalte: Tätermerkmale und –strategien, Selbstbehauptung und Grenzziehung  in der virtuellen Welt.
  • Zielgruppen: jüngere Mädchen und Jugendliche, die risikofreudig und aufgeschlossen gegenüber dem Thema Sexualität sind, Eltern und Lehrer insbesondere an Förder- und Hauptschulen sowie „sozialen Brennpunkten“.


Zur Prävention sexueller Online-Viktimisierung sind geschlechtstypische altersgestufte Aufklärung, Programme zur Selbstbehauptung und Grenzziehung  in der virtuellen Welt erforderlich (jeder 20. Jugendliche traute sich nicht, den Kontakt zu beenden). Insbesondere jüngere Mädchen und Jugendliche, die risikofreudig und aufgeschlossen gegenüber dem Thema Sexualität sind, sollten im Fokus dieser Angebote stehen. Aufklärung, Weiterbildung von Eltern und Lehrern zu den Möglichkeiten der Internetnutzung und dem sexuell motivierten Nutzungsverhalten von Jugendlichen können die Schwelle zum Gespräch senken. Stärker betont werden muss, dass auch Kinder betroffen sind, diese ein mit Jugendlichen vergleichbares Risiko für sexuelle Viktimisierung aufweisen (online und offline) und bei ihnen Täuschungsstrategien häufiger vorkommen. Wichtig ist auch eine gezielte Vermittlung der Merkmale Erwachsener mit sexuellen Onlinekontakten zu Minderjährigen (jung, gebildet und auch Frauen) sowie die Bedeutung nichtsexueller Kommunikation als Strategie, eine Vertrauensbeziehung aufzubauen, die zu sexuellen Handlungen führen kann. Für differenziertere Präventionsempfehlungen ist eine Replikation der Studienergebnisse zu Erwachsenen mit sexuellen Onlinekontakten zu Minderjährigen in einer repräsentativen Studie unter besonderer Berücksichtigung der psychosozialen Merkmale von Tätern  wünschenswert.

Die problematischen Entwicklungsbedingungen Betroffener, insbesondere die geringere Bildung sexuell off- und online viktimisierter Mädchen, erfordern gezielte Aufklärung in Förder- und Hauptschulen, sowie vermehrte Informations- und Unterstützungsangebote in „sozialen Brennpunkten“.


Verbesserte Diagnostik und Therapie

  • Etablierung einer standardisierten klinischen Diagnostik
  • Berücksichtigung von Unterschieden in der Belastungssymptomatik nach Geschlecht und Alter.
  • Berücksichtigung diffuser Symptome und Verhaltensauffälligkeiten als Hinweise auf belastende sexuelle Onlineerfahrungen Jugendlicher.
  • Schnelle und gezielte traumafokussierte Therapieangebote für Betroffene jeder Altersgruppe in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Regelversorgung
  • Anreize für eine evidenzbasierte traumatherapeutische Versorgung auch unterversorgter Risikogruppen im Rahmen differenzierter Vergütungsmodelle durch das Bundesministerium für Gesundheit (BMG).


Die aktuelle psychische Belastung der Betroffenen zeigt, dass Missbrauchserfahrungen mit Depressivität, Aggressivität, Selbstunsicherheit und Ängsten einhergehen können. Eine Stigmatisierung Betroffener als „psychisch krank“ ist jedoch unpassend: Nicht jeder Missbrauch wird als „belastend“ bewertet und viele Betroffene leben sozial integriert auf hohem Funktionsniveau. Bei (professionellen) Bezugspersonen Jugendlicher sollten geschlechtstypische (Depressivität bei Jungen) und alterstypische (Aggressivität bei Männern) Unterschiede in der Belastungssymptomatik Berücksichtigung finden. Auf belastende sexuelle Onlineerfahrungen können bereits diffuse Symptome und Verhaltensauffälligkeiten hinweisen.

Bei jungen Betroffenen im Hilfesystem zeigten sich erhebliche Defizite in der Behandlung und Beratung: 62% hatten keine misshandlungsspezifische Behandlung bei behandlungsbedürftiger psychischer Störung und z. T. unzureichende Diagnostik. Dies verweist auf die Notwendigkeit standardisierter Diagnostik unter Berücksichtigung geschlechts- und alterstypischer Unterschiede mit systematischer Klärung auch diffuser Symptome und Verhaltensauffälligkeiten. Ziel sollten schnelle und gezielte traumafokussierte Therapieangebote für Betroffene jeder Altersgruppe in der psychiatrisch-psychotherapeutischen Regelversorgung sein. Damit einher geht die Forderung an das BMG, Anreize für eine evidenzbasierte traumatherapeutische Versorgung auch unterversorgter Risikogruppen im Rahmen differenzierter Vergütungsmodelle zu bieten. Bestehende Beratungsstellen sollten finanziell abgesichert werden, aber nur, um niedrigschwellige Weichenstellung, Erstberatung, Aufklärung, Angehörigenbetreuung und niedrigschwellige Angebote zur Offenlegung zu ermöglichen. Für die therapeutische Arbeit mit Betroffenen verfügen Beratungsstellen über kein ausreichendes Tätigkeits- und Qualifikationsprofil.


Flächendeckende Beratung

  • Finanzielle Absicherung bestehender Beratungsstellen für niedrigschwellige Weichenstellung, Erstberatung, Aufklärung, und Angehörigenbetreuung
  • Niedrigschwellige Angebote zur anonymen Offenbarung und (entlastenden) Beratung.
  • Mehr spezielle Beratung für betroffene Jungen.

 

Mehr niedrigschwellige Angebote zur anonymen Offenbarung und (entlastenden) Beratung sollten etabliert werden, da die meisten Missbrauchserfahrungen und belastenden sexuellen Onlineerfahrungen nicht offengelegt wurden. Sexuell missbrauchte Jugendliche gaben vermehrt an, keine direkte Vertrauensperson zu haben. Das Gefühl sozialer Unterstützung wurde aber als bedeutsamer Resilienzfaktor identifiziert, der die Offenlegung belastender sexueller Erfahrungen erleichtert. Angebote für sexuell missbrauchte Jungen/Männer sind besonders wichtig: Betroffene Männer berichteten von „schwererem Missbrauch“, Frauen als Täterinnen, weniger sozialer Integration und ausgeprägten Belastungssymptomen, offenbarten sich gleichzeitig aber deutlich seltener, was ihnen hilfreiche Unterstützung erschwert. Im Onlinekontakt werden Jungen eher von Männern mit sexuellem Interesse an Kindern angesprochen und berichteten seltener betroffen zu sein, obwohl Erwachsene angaben, Mädchen und Jungen gleich häufig zu kontaktierten. Gezielte Aufklärungsangebote für Eltern, Mitschüler und Geschwister können dazu beitragen, potenzielle Vertrauenspersonen zu gewinnen, und auf die für alle Betroffenen unterstützenden Merkmale wie emotionale Stabilität und enttabuisierter Umgang mit Sexualität hinweisen.

Schließlich sollten Offenlegungsstrategien, -bedingungen und   -barrieren, sowie deren Folgen für die Betroffenen und deren Ansprechpartnern noch weiter untersucht werden. Ebenso fehlen Erkenntnisse zu speziellen  Betroffenengruppen, vor allem Jungen und Opfer von Frauen. Längerfristig ist für eine evidenzbasierte Versorgung junger Betroffener eine Erforschung der Opferversorgung im Verlauf und deren Auswirkung für die Betroffenen (Missbrauch – Offenlegung – Reaktionen – weiterer Verlauf im Versorgungssystem…) sinnvoll.